Pop-Rock

Kleines Gedankenspiel: Was wohl, wenn „Never Own“, wenn also das neue Album von lùisa ein Magazin zum Blättern, eines jener altmodisch analogen Werke aus knisterndem Papier wäre, mit all dem Weißraum für eigene Imaginationen, mit spröde darin verstreuten Bildern voller Kraft, mit seinen verdichteten Versen, die neue Phantasien herauf beschwören? Es gälte als preisverdächtig und bewundernswert. Doch nun ist „Never Own“ Musik, ein Dutzend Songs, und plötzlich gesellt sich zu den zwei Dimensionen eine dritte, wird der Weiß- zum Freiraum, findet sich das Knisternde auf einmal überall wieder, mischen sich elektronische Sounds mit beinahe folkloristischen zu seltsam ergreifenden Klanglandschaften, mal lichter Wald, dann wieder karstige Hochebene. Und das mit dieser Stimme. Unbeschreiblich weiblich, verletzliche Seele und unbändige Kampfeslust, besänftigend und aufrührerisch im beinahe selben Moment. Björk, PJ Harvey und Hildegard Knef in einem Song, damit war nicht zu rechnen gewesen.

Doch die 22 Jahre junge Hamburgerin ist das Kind einer Musikszene im Aufbruch, die sich auf der Suche nach neuen Wegen, Bühnen, Foren und nicht zuletzt Lüsten endlich von alten Flößen trennt und lieber ins kalte Wasser springt. Gestand eine Sängerin vor zehn Jahren, es jetzt mal mit der Methode „Do It Yourself“ zu versuchen, dann hieß dies: Label weg, Geld knapp, nutzen wir die letzte Chance! Heute aber wächst DIY zur eigenen Kunstform mit sehr eigenen Formaten heran, eines davon ist „Never Own“, das Album von lùisa. Ideen müssen nicht länger abgesegnet, sondern umgesetzt werden. Anstatt sich von den alten Hasen, deren Fell längst struppig geworden ist und deren Erfahrungen sich an alten, verwitterten Koeffizienten orientieren, jovial gut gemeinte Ratschläge geben zu lassen, hat lùisa lieber gute Freunde ihres Alters um sich versammelt, hat Waghalsiges probiert und Ungewohntes produziert, überlässt Artwork und Video-Produktionen nicht nurmehr glanzlos schillernden Namen, sondern der Kreativität ihrer selbst und ambitionierter Kumpane.

Ihre Songs führen deshalb auch in gleich mehreren, selbst erschaffenen Welten ein höchst farbenfrohes Eigenleben. Ob sie nun solo, bewaffnet mit Gitarre, Loop-Station & Samplepads oder samt Band im Liveclub aufspielt, unvergesslich – zum Glück auch für sie selbst – bleiben beide Möglichkeiten. Noch länger als ihre fragil arrangierten Kompositionen bleibt dem Zuhörer (nicht vergleichbar übrigens mit dem bloßen Hörer) die Stimme der Sängerin in Erinnerung. Sie klingt wie Quellwasser, das über eine frühlingsbunte Wiese sprudelt, sie kann jedoch im nächsten Moment auch schon wieder an Granitgestein erinnern, welches im Winter vom Frost mit feinsten Haarrissen versehen wurde und im nächsten Augenblick unvermutet zerspringen könnte. Dass lùisa anstelle ihrer Muttersprache sich lieber des Englischen, Französischen und Italienischen bedient, macht den geneigten Zuhörer noch ein bisschen mehr zum Beobachter einer Reise ins glücklicherweise Unbekannte.

„Never Own“ ist ein gewagtes und schon jetzt gewonnenes Spiel. Das erste rein deutsche Signing der kanadischen Nettwerk Music Group scheint ein instinktiv errungener Glückstreffer, denn das Album ist, um auf den Beginn dieser kurzen Laudatio zurück zu kommen, weit mehr als „preisverdächtig und bewundernswert“, es ist eher jeden Preises würdig und außerdem Verehrung fordernd und begehrenswert.

Nein, lieber Leser, wir haben uns weder Knall auf Fall verliebt, noch in eine Sackgasse verrannt. Aber wir haben dieses wundervolle Album halt schon gehört, von welchem Sie erst etwas nach uns in den höchsten Tönen schwärmen werden.